PCTG-Filament: Eigenschaften und Vergleich mit PETG
Materialwissen · Zähe Funktionsteile
PCTG-Filament ist besonders interessant, wenn du schlagzähe Funktionsteile oder lichtdurchlässige Bauteile drucken möchtest. Es gehört wie PETG zur Familie der Copolyester. Ob es für dein Projekt besser passt, entscheiden jedoch die konkrete Rezeptur, das Druckprofil und die Belastung – nicht allein der Materialname.
Dieser Ratgeber verbindet echte Herstellerwerte mit einem nachvollziehbaren Einstellverfahren. Außerdem zeigt eine interaktive Grafik, weshalb transparentes Filament nicht automatisch einen klaren Druck ergibt.
PCTG-Eigenschaften: Was die Kennwerte tatsächlich sagen
PCTG ist ein glykolmodifizierter Copolyester. Für den 3D-Druck wird es häufig als Alternative zu PETG angeboten, wenn eine höhere Schlagzähigkeit gefragt ist. Bei transparenten Varianten kommt die optische Klarheit des Ausgangsmaterials hinzu. Das heißt weder, dass jedes PCTG steifer ist als jedes PETG, noch dass jeder gedruckte Körper durchsichtig wird.
| Eigenschaft | Fiberlogy PCTG | Einordnung |
|---|---|---|
| Dichte | 1,23 g/cm³ | Für Material- und Gewichtsberechnungen des konkreten Produkts |
| Streckspannung / Zugfestigkeit bei Bruch | 43 / 45 MPa, ISO 527 | Zwei unterschiedliche Punkte des Zugversuchs |
| Dehnung bei Streckgrenze / Bruch | 4 / 220 %, ISO 527 | Hohe Bruchdehnung ist kein zulässiger elastischer Arbeitsbereich |
| Biegemodul | 1.600 MPa, ISO 178 | Beschreibt die Steifigkeit im Biegeversuch |
| Izod-Kerbschlagzähigkeit bei 23 °C | 92 kJ/m², ISO 180 | Nur mit vergleichbar geprüften Werten sinnvoll gegenüberstellen |
| Wärmeformbeständigkeit HDT | 76 °C bei 0,45 MPa; 64 °C bei 1,8 MPa, ISO 75 | Die Prüflast gehört zwingend zum Temperaturwert |
Die Zahlen stammen aus dem Fiberlogy-Datenblatt und sind keine eigenen Messungen an unseren Drucken. Sie beschreiben auch keine universellen Eigenschaften jeder PCTG-Spule. Bei einem echten Bauteil kommen Geometrie, Druckrichtung, Bahnanbindung, Kerben und Fertigungsqualität hinzu.
Schlagzäh, steif und fest sind nicht dasselbe
Ein Bauteil kann beim Stoß viel Energie aufnehmen und sich trotzdem unter einer statischen Last deutlich verformen. Umgekehrt kann eine steife Konstruktion an einer scharfen Kerbe brechen. Für einen Clip brauchst du eine passende Kombination aus Biegsamkeit, Rückstellung und Haltbarkeit; für eine Abdeckung können Stoßverhalten und Formstabilität wichtiger sein.
Vermeide deshalb eine Rangliste mit nur einem „Festigkeitswert“. Notiere den tatsächlich beobachteten Ausfall deines bisherigen Teils: Bricht es beim Herunterfallen, biegt es sich zu weit durch oder verformt es sich über Stunden? Diese drei Probleme führen zu unterschiedlichen Material- und Konstruktionsentscheidungen.
PCTG vs. PETG: Wann lohnt sich der Wechsel?
| Dein Ziel | Sinnvoller Vergleich | Entscheidungshilfe |
|---|---|---|
| Bruch bei Stößen vermeiden | Kerbschlagdaten mit gleichem Verfahren und temperaturgleiche Bauteiltests | PCTG ist ein Kandidat; teste die kritische Ecke oder Raststelle. |
| Weniger Durchbiegung | Modul, Wandaufbau und Rippen | Ein steiferes Design kann mehr bringen als der Wechsel des Copolyesters. |
| Mehr Wärmebeständigkeit | HDT mit gleicher Last plus reale Dauerbelastung | Übernimm keine unbeschrifteten Temperaturvergleiche. |
| Klarere Sicht durch eine Wand | Gleiche Wanddicke, Farbe, Druckrichtung und Oberflächenbehandlung | Vergleiche gedruckte Muster, nicht die Klarheit des Filamentstrangs. |
| Bewährtes Alltagsteil nachdrucken | Kosten, vorhandenes Profil und bisherige Funktion | Wenn PETG die Anforderungen erfüllt, braucht es keinen automatischen Wechsel. |
Ein konkreter Unterschied liegt in den Verarbeitungsempfehlungen: Fiberlogy nennt für sein PCTG 250–270 °C an der Düse. Auch Nobufil nennt diesen Bereich in seinem PCTG-Leitfaden, dort mit 85–110 °C Bett und etwa 30 % Kühlung als Orientierung. Diese Angaben zeigen, warum ein beliebiges PETG-Profil kein verlässlicher Ersatz für ein Produktprofil ist.
PCTG mit Carbonfüllung ist wiederum ein eigener Werkstoff. Eine Füllung verändert mehrere Eigenschaften gleichzeitig; transparente Optik und unveränderte Schlagzähigkeit darfst du dabei nicht voraussetzen. Prüfe zusätzlich die Anforderungen an die Düse und vergleiche die Daten des gefüllten Produkts separat.
Interaktiv: Warum ein transparenter Kunststoff milchig wirken kann
Beim FFF-Druck entstehen viele einzelne Bahnen und Grenzflächen. Luftspalten, ungleichmäßige Verbindungen und die äußere Oberfläche beeinflussen den Lichtweg. Die Skizze macht das Prinzip sichtbar: Schalte die Spalten und die Lichtwege ein und aus.
Mit hervorgehobenen Spalten: Zusätzliche Grenzflächen verändern den Lichtweg. Das kann die klare Durchsicht beeinträchtigen.
Ohne hervorgehobene Spalten: Gleichmäßig verbundene Bahnen vermeiden eine mögliche Störquelle. Eine optische Garantie ergibt sich daraus nicht.
Für eine Leuchte ist eine diffuse, gleichmäßige Lichtverteilung möglicherweise erwünscht. Für ein Sichtfenster ist dieselbe Streuung störend. Definiere deshalb zuerst das optische Ziel. Eine dünne dekorative Wand, ein massiver Block und eine optische Linse sind drei völlig verschiedene Projekte.
PCTG drucken: Herstellerprofil und sichere Maschinengrenzen
| Parameter | Fiberlogy PCTG | Was du vor dem Start prüfst |
|---|---|---|
| Düse | 250–270 °C | Freigegebene Dauertemperatur des kompletten Hotends |
| Druckbett | 90 °C | Plattenfreigabe, Reinigung und passende Haft-/Trennschicht |
| Bauteilkühlung | 0–25 % | Geometrie und reale Lüfterwirkung |
| Trocknung | 60 °C, 4 Stunden | Produkthinweise, Temperaturregelung und Spulenverträglichkeit |
| Oberflächen | Glattes PEI mit Klebstoff, strukturiertes PEI oder Glas mit Klebstoff | Vorgaben des Plattenherstellers zusätzlich beachten |
| Beheizte Kammer | Nicht erforderlich | Stabile Umgebung und zulässige Bedingungen des Druckers |
Diese Werte stammen von der Produktseite. Beginne mit einem kleinen Teil. Eine sehr stark haftende erste Schicht ist kein Qualitätsmerkmal, wenn beim Ablösen die Beschichtung beschädigt wird. Lass die Platte entsprechend ihrer Anleitung abkühlen und verwende nur die vorgesehenen Ablöseverfahren. Die Klebstoffschicht kann je nach Oberfläche auch als Trennhilfe dienen.
Bei einem älteren Drucker reicht es nicht, im Slicer 270 °C einzutragen. Prüfe Aufbau und Herstellerfreigabe des Hotends, Sensor, Firmwaregrenzen und Bett. Insbesondere die Lage eines PTFE-Einsatzes ist relevant. Ein angezeigter Maximalwert ist keine eigenständige Freigabe für jeden verbauten Bestandteil.
Ein überschaubarer Testplan für dein erstes PCTG-Projekt
Trockenes Material und kleine Referenzprobe
Notiere Produkt, Farbe, Trocknung und Profil. Drucke zuerst eine kurze Wand mit einer Ecke und einem Loch. So kannst du Oberfläche, Naht, Maßhaltigkeit und Extrusion beurteilen, ohne gleich eine große Spule in Fehlversuche umzusetzen.
Temperatur in einem begrenzten Bereich vergleichen
Bleibe innerhalb der Herstellervorgabe und der Maschinenfreigabe. Vergleiche zum Beispiel drei zulässige Stufen. Beurteile nicht nur Fäden, sondern auch Bahnanbindung, Kanten und das Verhalten einer vergleichbaren Funktionsprobe. Die optisch sauberste Stufe ist nicht zwangsläufig mechanisch die beste.
Durchsatz kontrollieren
Eine Geschwindigkeit in mm/s beschreibt noch nicht, wie viel Kunststoff geschmolzen werden muss. Bei 0,45 mm Linienbreite, 0,20 mm Schichthöhe und 60 mm/s entstehen rechnerisch ungefähr 5,4 mm³/s. Bei 120 mm/s sind es 10,8 mm³/s. Die vereinfachte Rechnung Breite × Höhe × Geschwindigkeit hilft, Veränderungen einzuordnen.
Rückzug erst danach abstimmen
Nutze das passende Ausgangsprofil deines Extruders. Ändere Rückzug und Bewegung gezielt, nachdem Materialzustand und Temperatur plausibel sind. Ein übergroßer Rückzug kann neue Probleme verursachen. Eine universelle Einstellung für Direct Drive und Bowden gibt es nicht.
Die wirkliche Funktion testen
Prüfe den Clip am Gegenstück, die Abdeckung mit ihren Schrauben oder die Lichtblende vor ihrer LED. Halte Belastung und Umgebung gleich. Sichere das erfolgreiche Projekt mit Materialname und Datum, damit der nächste Druck reproduzierbar wird.
Eigener Transparenzvergleich mit sechs kleinen Mustern
Konstruiere drei gleich große Testfenster mit beispielsweise 0,8, 1,2 und 1,6 mm Wanddicke. Drucke diese einmal mit der Sichtfläche parallel und einmal senkrecht zum Bett, soweit die Geometrie das ohne störende Stützen zulässt. Diese Maße sind ein Versuchsdesign, keine empfohlenen Bauteilstärken für jede Anwendung.
Lege alle Muster mit gleichem Abstand vor eine gedruckte Schwarz-Weiß-Linie und fotografiere sie bei gleichem Licht. Notiere zusätzlich Druckzeit, Oberfläche und Stabilität. So trennst du Dickeneffekt und Druckrichtung. Vergleiche erst danach eine einzelne Profiländerung, beispielsweise eine andere zulässige Temperatur. Änderungen an fünf Einstellungen gleichzeitig lassen sich kaum auswerten.
Erhöhe den Fluss nicht blind, um Spalten „wegzudrücken“. Überextrusion kann Maße, Oberfläche und Düsendruck verschlechtern. Für eine spätere Nachbearbeitung druckst du ein zusätzliches Muster; Schleifen und Polieren können Abmessungen verändern und ersetzen keine Prüfung der gewünschten Durchsicht.
Häufige PCTG-Probleme gezielt lösen
| Beobachtung | Zuerst kontrollieren | Nächster Versuch |
|---|---|---|
| Fäden zwischen Bauteilen | Materialzustand, Austreten an der Düse, Temperatur und Fahrwege | Trocknung prüfen; anschließend jeweils eine Profilgröße verändern. |
| Blasen oder unruhige Extrusion | Feuchtigkeit, Materialreste und gleichmäßige Förderung | Mit dokumentiert vorbereitetem Material eine kurze Referenzprobe drucken. |
| Trübe transparente Wand | Bahnlücken, Oberfläche, Wanddicke und Druckrichtung | Gleiche Muster unter gleichen Lichtbedingungen vergleichen. |
| Bruch entlang der Schichten | Zu hoher Durchsatz, Kühlung, Temperatur und Orientierung | Belastungsgerechter ausrichten und innerhalb der Vorgaben neu testen. |
| Ecken heben sich | Sauberkeit, erste Schicht, Bettprofil und Zugluft | Grundbedingungen korrigieren; bei geeigneter Geometrie Brim testen. |
| Teil lässt sich kaum ablösen | Platteneignung und vorgesehene Trennschicht | Abkühlen lassen; keine gewaltsame Ablösung einer heißen Platte. |
Eine ausführliche Reihenfolge für Fäden und Rückzug findest du im Stringing-Ratgeber mit interaktiver Erklärung. Für PCTG gilt dieselbe Grundidee: erst die Ursache eingrenzen, anschließend die passende Einstellung ändern.
Häufige Fragen zu PCTG-Filament
Ist PCTG lebensmittelecht?
Eine Materialbezeichnung reicht dafür nicht. Fiberlogy bezieht seine Aussage auf die Variante Pure TR. Für eine konkrete Anwendung brauchst du die passende Dokumentation sowie einen geeigneten Fertigungs-, Reinigungs- und Nutzungsprozess. Eine farbige Variante oder ein beliebiger FFF-Druck ist dadurch nicht automatisch abgedeckt.
Ist PCTG für draußen geeignet?
Prüfe die dokumentierte UV- und Witterungsbeständigkeit des konkreten Produkts. Ein trockener Raumtemperaturversuch belegt keine jahrelange Außenanwendung. Farbe, Bewitterung, Last und Temperatur müssen zur späteren Nutzung passen.
Hält PCTG Chemikalien aus?
Die Antwort hängt von Stoff, Konzentration, Temperatur, Einwirkzeit und mechanischer Spannung ab. Eine allgemeine Beschreibung als chemikalienbeständig ist keine Freigabe für einen Kraftstoffbehälter oder ein Laborgefäß. Verlange eine konkrete Beständigkeitsangabe und prüfe den vorgesehenen Endzustand.
Kann ich PCTG wie Glas drucken?
Es sind lichtdurchlässige und je nach Prozess gut durchsichtige Teile möglich. Schichten, Grenzflächen und Oberfläche bleiben jedoch Einflussgrößen. Für optisch anspruchsvolle Anwendungen liefert eine eigene Musterreihe eine bessere Entscheidungsgrundlage als ein pauschales Klarheitsversprechen.
Brauche ich einen geschlossenen Drucker?
Für das hier beschriebene Fiberlogy PCTG verlangt der Hersteller keine beheizte Kammer. Größere Geometrien und wechselnde Umgebungsbedingungen können trotzdem Anpassungen erfordern. Ein vorhandenes Gehäuse muss innerhalb der zulässigen Bedingungen des Druckers betrieben werden.
Wie bearbeite ich PCTG nach?
Entgrate und bearbeite zuerst ein Reststück mit passenden scharfen Werkzeugen und geringem Wärmeeintrag. Pauschale Empfehlungen zum Lösungsmittelglätten sind für die Werkstatt kein belastbarer Standardprozess. Prüfe Maßhaltigkeit und Funktion nach jeder Nachbearbeitung erneut.
Quellen und Einordnung
Fiberlogy PCTG: Verarbeitung, Oberfläche und Varianten; technisches Datenblatt; Nobufil: PCTG-Leitfaden und eigene Verarbeitungsempfehlungen. Redaktionell geprüft im Oktober 2026. Kennwerte sind Herstellerangaben; Grafik, Rechenbeispiele und Testplan sind eigene Erläuterungen, keine dokumentierten Labortests.